RÜCKBLICK
Austellungen im öffentlichen Raum von Jamlitz
Jamlitz - im Randbereich des Landkreises LDS im Osten des Landes Brandenburg gelegen, ist voll von Relikten der verschieden konnotierten Vergangenheitsbereiche, die mehr oder weniger im Bewusstsein der Bevölkerung verankert sind. Bislang nur in Teilen aufgearbeitet, sollen diese Vergangenheits- und Zukunftsschichten durch die künstlerischen Interventionen und Handlungen für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Ob Künstlerkolonie und beliebte Sommerfrische in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, Verkehrsknotenpunkt der Holzindustrie oder SS-Stützpunkt und ehemaliges Außenlager des KZ Sachsenhausen oder landwirtschaftlich genutztes Gebiet des aufstrebenden jungen Sozialismus mit kolateralen Enteignungen neben Neugründungen von LPGs und anderen Genossenschaften, birgt Jamlitz mit seiner heute auf 350 Einwohner geschrumpftem Bevölkerung eine interessante Gemengelage von verlassenen und in der Warteschleife befindlichen Orten, denen man ihre Vergangenheit ablesen kann und sie zuweilen auch gern unlesbar werden lassen würde.
An diesem Ort manifestiert sich Vergangenheit wie Gegenwart und wohl auch ein Teil des heutigen Identitätsproblems vieler Ostdeutscher. "Hier ist es schön!", aber auch verlassen und mittlerweile ohne jede Versorgungsstruktur.
International und überregional tätige Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit Orten in Jamlitz und formulieren ausgehend von spezifischen Situationen neue Zusammenhänge. Sie richten mit ihren Interventionen einen neuen Blick auf das vermeindlich Bekannte.
Titel: Bestand und Fiktion
Eine Ausstellung rund um die Architektur eines Dorfes - die reale, utopische, gedachte, verschüttete, soziale und soziologische.
Ausstellungszeitraum: 06.08. — 03.09.2023
Ausstellungsorte: Jamlitz
Beteiligte Künstler/innen: Anna Grunemann, Hannes Forster, Christiane Oppermann, Iede Reckman, Andry Varabyou + Artur Klinau, Tineke van Veen, Rolf Wicker, Günther Zins
Anna Grunemann
Jamlitz/Hannover
Die Installation „badgir - ein Gedankenmodell - Klimaanlage für Jamlitz“ ist ein Beitrag zum Nachdenken über unser Klima. Während sich der Dorfplatz schon fast als verwüstet zeigt, dockt ihre Arbeit an traditionelle persische Klimaanlagen an, die am Ort der Installation gleich noch mit den vorhandenen Installationen korrespondieren. Es ist ein Versuchsaufbau, der geeignet wäre Orient und Oxident zu versöhnen.
Hannes Forster
Jamlitz
Die „Halb-Mond-Landschaft“ entwickelt sich aus Formationen alten Baumaterials. Er benutzt für seine Bodenskulptur alte Bieberschwänze, die hier in der Gegend häufig benutzt wurden, aber leider aus der Mode gekommen sind. Die Formen der Legung ergeben sich aus der Bauart des Dachsteins, der mit einem Mittelzapfen versehen, die Neigung der Dachpfannen bestimmt.
Forsters Arbeit ist bewusst auf dem Boden verlegt, um den Blick frei zu machen auf die umliegenden Dächer - das Blätterdach der auf dem Schmidtschen Grundstück stehenden Bäume, sowie die Bieberschwanzdeckung auf dem Schuppen des Grundstücks.
Christiane Oppermann
Hannover
Die bildende Künstlerin kommt aus der klassischen Plastik und begann ihren Weg mit einer Steinhauerlehre, noch vor dem Studium. Heute liegt ihr Schwerpunkt auf performativen Interventionen im öffentlichen Raum.
Sie überlagert in ihrer Installation den mit Kreide auf den Boden geriebenen Grundriss der Absiss der 1938 niedergebrannten Synagoge von Hannover mit Projektionen anderer Grundrisse von evangelischen und katholischen Kirchen. Hier wird deutlich, dass wir nicht mehr unterscheiden können, welcher Grundriss zu welchem Glauben gehört. Diese Verknotung der Vorurteile zu lösen, dafür steht die Performance der Künstlerin auf dem Monitor - eingerahmt durch das die gesamte Halle durchspannende Band, angelehnt an das Band der Maria Knotenlöserin.
Iede Reckman
Den Haag, Niederlande
Iede Reckmans Installation nimmt Bezug auf das Doppelspaltexperiment aus der modernen Physik.
Es veranschaulicht ein verblüffendes Phänomen: Ein einzelnes Teilchen kann sich gleichzeitig an zwei Orten befinden. Dieses sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus wird besonders deutlich, wenn ein Teilchen beide Spalte gleichzeitig durchquert – als wäre es zugleich Welle und Teilchen. Die Skulptur lädt dazu ein, einen gedanklichen Sprung zu wagen und sich auf das scheinbar Unbegreifliche dieses physikalischen Prinzips einzulassen.
Andry Varabyou + Artur Klinau
Weißrussland/Berlin
Der „Arc No.9“ war aus Stroh, aber grenzte sich deutlich von den im ländlichen Raum bekannten Strohfiguren ab. Klinau+Varabyou’s Triumpfbogen, der direkt am Ortseingang platziert wurde, wirft durchaus Fragen auf. Wessen Triumpf wird hier gewürdigt? Welche Schlacht wurde geschlagen? Oder ist das Ganze nur ein Strohfeuer?
Das Material Stroh wird von den Künstlern auch als Metapher auf den Menschen gesehen.
Tineke van Veen
Den Haag, Niederlande
Die aus Den Haag stammende Tineke van Veen hat für ihre Intervention „Im Übergang“ (die an mehreren Standorten im Dorf präsentiert ist) einzelne Jamlitzer*innen mit ihrer selbst gebauten Mittelformatkamera portaitiert. Allein dieser Vorgang ist eine Besonderheit in Jamlitz. Nicht nur weil dieser Selbstbau mehrere Sekunden Belichtungszeit braucht, sondern weil immer zuerst die Haltung im Raum steht: Ach wir sind doch nicht fotogen. Wir sind doch nur einfache Leute. Diese Fotos sind in den alten Wirkstätten und mittlerweile als Wohnhäusern umgenutzten Gebäuden präsentiert und gehen eine Allianz ein zwischen Vergangenheit und Heute. Tineke van Veen baut diesen Bewohner*innen von Jamlitz stellvertretend ein Denkmal und würdigt ihr Schaffen.
Rolf Wicker
Berlin
In seiner Installation „Riva“ bezieht er sich auf einen mysteriösen Schachtdeckel am Ufer der Chausseeteiche und entwickelt aus dieser Situation eine architektonische Utopie, die die Phantasie befeuert. Sein Oktogon basiert auf einer überlieferten Zeichnung aus dem Mittelalter, die er fast unverändert in seine Installation einfließen lässt. Der Schachtdeckel bleibt weiter in Einblicken sichtbar und wird als Fundament der Installation spürbar. Dieser Ort kann auf diese Art und Weise neu erlebt und besetzt werden - so hat Wicker extra auch Sitzplätze integriert, wobei ein besonderer Sitzplatz in Richtung Chausseeteich wie ein Thron herausragt.
Günther Zins
Kleve
Der Künstler Günther Zins hat schon in Frankfurt/Oder eine große Edelstahlskulptur im öffentlichen Raum. Hier in Jamlitz geht seine Raumzeichnung aus Edelstahl „Mauerleporello“ die Allianz mit dem Gibel einer vom Leben gezeichneten Scheune ein. Die freiliegenden Ziegel des Mauerwerks und die Lüftungslöcher im oberen Bereich des Giebels erhalten durch die nun hinzugekommene Zeichnung, die selbst Dreidimensionalität vorgibt, ohne es zu sein, ein ästhetisches Eigenleben, die mit der sich im Licht verändernden Skulptur verbinden.
Titel: Standort_Bestimmung
Eine Ausstellung zur Bestimmung des Hier und Jetzt - sofern das möglich ist.
Ausstellungszeitraum: 01.08. — 29.08.2021
Ausstellungsorte: Jamlitz
Beteiligte Künstler/innen: Helmut Dick, Michael Kurzwelly, Johannes Pfeiffer, An Seebach, Alexander Steig, Harro D.B. Schmidt, Gaby Taplick
Helmut Dick
Amsterdam, Niederlande
"Geisterkompost" ist ein Kunstprojekt, das gemeinsam mit Bewohner/innen von Jamlitz umgesetzt wurde. Sie waren eingeladen, ihre Küchenabfälle in eine vierteilige Kompostanlage einzubringen. Jeder Bereich stand dabei für eine bestimmte Textauswahl zu einem der folgenden Denker: Aristoteles, Hildegard von Bingen, Carl von Linné oder Charles Darwin. "Geisterkompost" ist gleichzeitig Hommage und kritischer Kommentar – die Hoffnung, das „Verdaute“ in einen bewussten, fruchtbaren Boden für die Zukunft zu verwandeln. Die Arbeit versteht sich auch als symbolische Geste auf dem geschichtsträchtigen Boden von Jamlitz.
Im März des darauffolgenden Jahres folgte die Ernte durch den Aufruf des Künstlers:
Liebe Geisterkompostteilnehmer !
Der Rotte- und Reifungsprozess des Geisterkomposts ist abgeschlossen! Die Würmer haben Ihre Arbeit getan. Die aus unter anderem auch ihren Haushaltsgrünabfällen entstandenen Spezialkomposte sind bereit zur Abholung um zielgerichtet in Ihrem Garten eingesetzt zu werden !
Michael Kurzwelly
Frankfurt/Oder
"Reden über Jamlitz" - Am 24.07.21 haben Einwohner:innen von Jamlitz auf dieser Karte rot beschrieben, was ihnen nicht gefällt, blau, was ihnen gefällt und grün Vorschläge, Ideen und Visionen für ihren Ort. Die Einladung zum "Reden über Jamlitz" kam vom Künstler per Postwurfsendung in alle Haushalte. Später wurde die Tafel auf dem heimlichen Dorfplatz aufgestellt, direkt neben der veralteten Tourismuskarte, auf der noch der lange geschlossene letzte Bäcker verzeichnet ist. Während der Ausstellung hielt Kurzwelly eine Vorlesung zu seinem Konstrukt Nowy America und Jamalice. Man saß auf Bierbänken und Kissen und die vorbeifahrenden Autoinsassen trauten ihren Augen kaum ob der Campusatmosphäre.
Im Anschluss an die Ausstellung konnte die große Tafel ins Gemeindehaus umgehängt werden zur Erinnerung an die Gemeinderatsmitglieder.
Johannes Pfeiffer
Tübingen
Johannes Pfeiffer tritt mit diesem historisch beladenen Ort in Dialog.
Von Jamlitz fuhren die Züge auch nach Auschwitz. Die Rampe war die Verladestation in den Tod. Pfeiffer stellt Stahl-Tore zwischen die Bahnschwellen und der Gang darüber bringt die Besucher in den Rhythmus, der notwendig ist, sich der Arbeit und der Geschichte zu nähern.
Die verkohlten und ausgebrannten Stämme wiegen sich stumm im Wind. Man kann sie mit dem Klöppel anschlagen. Der Klang ist dumpf und schwer - wie das, was hier in einem Dorf, wie in vielen anderen, unter den Augen der Dorfbewohner geschah.
Die Wiedererrichtung (2024) mit Schülerinnen des Campus am Stift Neuzelle ist eine Möglichkeit, mit der nicht zu leugnenden Geschichte einen Umgang zu finden. Nachdem die Schülerinnen eine Einführung durch die Gedenkstättenmitarbeiter erhielten, waren sie betroffen und wären am liebsten weggelaufen.
Durch die Beschäftigung mit der Thematik durch Kunst (auch sie brannten mit dem Künstler Stämme aus), konnten sie ihren Weg finden, mit den Gefühlen umzugehen und durch ihr Tun diese Erinnerung in eine Form überführen, die der Schwere der Sache gerecht wird.
Harro D.B. Schmidt
Hannover
,Durchquerung des Alls VI‘ von Harro D.B. Schmidt, ehem. Wasserturm Jamlitz 2021
In Harro D.B. Schmidt´s Installation „Ratten und Menschen“ (Overheadprojektoren mit darauf platzierten Strömungsgefäßen) drehen sich verschiedene Objekte, konstruiert aus Industrie-Abfall im Wasser um ihre eigene Achse. Ihre projizierten Bilder ermöglichen unterschiedliche Interpretationsebenen: Besucher können molekulare Strukturen, aber auch ornamentale Geometrie oder Raumstationen beobachten.
Eine weitere Projektion zeigt ein Video, in dem ein weiteres Objekt wie ein UFO aus dem Nichts in das Feld des Betrachters zu schweben scheint, sowie der Projektion einer überarbeiteten Ariane-Rakete. Das Szenario wird begleitet von einem Soundtrack, inspiriert von Andreas Eschbachs Roman "Exponentialdrift", in der eine Stimme der außerirdischen Crew die Notwendigkeit beschließt, den Drang der Menschheit nach Expansion zu stoppen:
„....Sternenzeit...., Spiralgalaxie...., 3. Planet......Ratten und Menschen sind die Spezies mit der höchsten Aggressivität und der höchsten Ausbreitungsrate auf dem Planeten Erde. Wir haben beschlossen, sie jenseits des Planeten Nr. 6, jenseits der Umlaufbahn des Saturnmondes Phoebe, aufzuhalten. “
An Seebach
Berlin
,O.T. (zum kühlen Grund), Jamlitz, 2021‘
Die Überreste der ehemaligen Gaststätte wurden volkstümlich reanimiert. Auf dem historischen Abraum wird jetzt Gemüse angebaut. Die Ernte können sich Passanten mitnehmen und zu Hause oder vor Ort beim Tischgespräch mit der Künstlerin die Erinnerung an das gewesene Gasthaus reanimieren.
Die Baumstele im Garten krönt eine Haube aus Fundstücken - die Armierungseisen hielten ursprünglich das Gasthaus zusammen.
Alexander Steig
München
Über das einfache, tradierte und konventionelle Medium einer Postkarte konzipiert Alexander Steig eine 'Mobile' Erinnerungsskulptur, um die Geschichte des Außenlagers von Sachsenhausen in Lieberose in die Welt und den Ort zu tragen.
Die Postkarte zeigt auf der Bildseite den Stein, der vor dem Lager stand und nach zwischenzeitlicher Absenz wieder dort steht. Der Findling, so heißt es, wurde auf Befehl der SS im Jahre 1944 von einem ungarischen jüdischen Häftling behauen. Auf der Rückseite der Postkarte steht ein kurzer Text, der auf den Ort, seine Geschichte und die nicht geborgenen ermordeten Zwangsarbeiter eingeht.
Gaby Taplick
Berlin
Auf einer Fläche, neben der ehemaligen Mühle, wo einst ein See war, ist heute nichts mehr davon sichtbar.
So wie die Mühle nicht mehr mahlt, schwimmt auch keine Seerose mehr auf dem Wasser.
Still ist es geworden in der Einsamkeit des Waldes.
Die Installation "Wasserstand": Eine Fläche gespannt aus Fäden, markiert den Wasserstand und erinnert an die Höhe des ehemaligen Sees.
brandung e.V.
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