RÜCKBLICK

Austellungen im öffentlichen Raum von Jamlitz

Jamlitz - im Randbereich des Landkreises LDS im Osten des Landes Brandenburg gelegen, ist voll von Relikten der verschieden konnotierten Vergangenheitsbereiche, die mehr oder weniger im Bewusstsein der Bevölkerung verankert sind. Bislang nur in Teilen aufgearbeitet, sollen diese Vergangenheits- und Zukunftsschichten durch die künstlerischen Interventionen und Handlungen für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Ob Künstlerkolonie und beliebte Sommerfrische in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, Verkehrsknotenpunkt der Holzindustrie oder SS-Stützpunkt und ehemaliges Außenlager des KZ Sachsenhausen oder landwirtschaftlich genutztes Gebiet des aufstrebenden jungen Sozialismus mit kolateralen Enteignungen neben Neugründungen von LPGs und anderen Genossenschaften, birgt Jamlitz mit seiner heute auf 350 Einwohner geschrumpftem Bevölkerung eine interessante Gemengelage von verlassenen und in der Warteschleife befindlichen Orten, denen man ihre Vergangenheit ablesen kann und sie zuweilen auch gern unlesbar werden lassen würde.

An diesem Ort manifestiert sich Vergangenheit wie Gegenwart und wohl auch ein Teil des heutigen Identitätsproblems vieler Ostdeutscher. "Hier ist es schön!", aber auch verlassen und mittlerweile ohne jede Versorgungsstruktur.

International und überregional tätige Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit Orten in Jamlitz und formulieren ausgehend von spezifischen Situationen neue Zusammenhänge. Sie richten mit ihren Interventionen einen neuen Blick auf das vermeindlich Bekannte.

Titel: "Vom Verschwinden"

Eine Ausstellung um das was war, was noch ist und bald verschwunden sein könnte. Eine Hommage an die Veränderung und unsere Erinnerung.

Mit der Ausstellung „Vom Verschwinden“ (2025) findet eine Ausstellungsreihe ihren Abschluss, die mit „Standort_Bestimmung“(2021) und „Bestand und Fiktion“(2023) begann. Im Begleitprogramm zur Ausstellung "Identität und Erinnerung" steht die Frage nach der eigenen Identität im Mittelpunkt.

Im Zentrum dieser Ausstellung stehen jene Orte, die durch Leerstand, Überwucherung, Vernachlässigung oder Verfall geprägt sind – ebenso wie die darin verborgenen Potenziale für neue Sichtweisen und Denkansätze.

Mit freundlicher Unterstützung durch Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Bildung des Landes Brandenburg, Landkreis Dahme-Spreewald, Mittelbrandenburgische Sparkasse, Gemeinde Jamlitz, Elektro Sprenger und Fischerei und Teichwirtschaft Janke und Müller GbR sowie vielen weiteren Jamlitzern, die ihre Grundstücke zur Verfügung gestellt haben. 

Ausstellungszeitraum: 09.08. — 07.09.2025

Künstlerische Leitung: Anna Grunemann + Hannes Forster

Ausstellungsorte: Jamlitz

Beteiligte Künstler/innen: Harald Hauswald, Christian Hasucha, Chris Hinze, Matthias Lehmann, Lotte Lindner & Til Steinbrenner, Franziska Möbius, Susken Rosenthal

 

Harald Hauswald
Berlin

"Paar auf Schwalbe", 1984, Foto: Harald Hauswald - eine Fotoausstellung in der temporären Kunsthalle Alte BHG

Harald Hauswald wurde 1954 in Radebeul bei Dresden geboren. Nach einer Fotografenlehre und verschiedenen Jobs zog es ihn 1978 nach Ostberlin. Sein soziales Interesse und seine künstlerische Vision machten ihn zu einem prägenden Fotografen der DDR-Geschichte. Ab Mitte der 1980er veröffentlichte er Fotoreportagen in westlichen Magazinen wie GEO und taz. 1989 wurde er Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR, 1990 Mitgründer der Agentur OSTKREUZ. Heute zählt Hauswald zu den bedeutenden deutschen Fotografen. In Jamlitz ist eine Schau seiner Bilder aus den 1980er Jahren zu sehen. In der 1938 errichteten Lagerhalle für Barackenteile und Munition - später für das Fischfutter der Fischerei in Jamlitz genutzt, entwickelt die installative Hängung der großformatigen Fotobanner mit Motiven spielender Kinder oder dem Karussell mit Panzern eine ganz eigene Erzählweise, die als Background hinter den Interventionen im öffentlichen Raum gelesen werden kann.


Beim Tischgespräch am 1.9.2025 tauschte sich der Fotograf mit Herbert Schirmer (Kurator und letzter Kulturminister der DDR) und dem Publikum aus. 

 

https://www.hauswald-fotografie.com/

Christian Hasucha
Berlin

"davor/dabei/danach", 2025

Christian Hasucha, geboren 1955 in Berlin Neukölln, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum. Seine Installationen bewegen sich an den Schnittstellen von Raum und Prozess, Bewegung und Stillstand, Routine und Irritation. Mit montageartigen Eingriffen – sowohl in urbanen als auch ländlichen Kontexten – hinterfragt er gewohnte Wahrnehmungen und lenkt die Aufmerksamkeit auf alltäglich übersehene Orte. 

„Ein baufälliger Giebel unter einem Satteldach. Drei marode Fenster im Untergeschoss und zwei oben für die Dachkammer, alle zum sandigen Fahrweg ausgerichtet….“(Zitat Christian Hasucha) sind Anlass für eine Wandschale mit dem Titel „davor/dabei/danach“. Vor das zum Einsturz verurteilte Mühlengebäude am Schneidemühlenteich verblendet der Berliner Künstler die rissige Fassade. Wie ein Gemälde fügt sich die Vorsatzschale mit den passepartoutähnlichen Öffnungen, die die nunmehr funktionslos gewordenen Fenster herausstellen, in das Landschaftsbild. Die Fenster sind stellvertretend für jene, die einmal hier herausgeblickt haben und wirken mit ihren verlassenen Blümchengardinen wie ein museumsdörfliches Relikt. Das Haus dahinter bleibt abrissreifer, aber existenter Bestand. Die weiße Fassade leuchtet von Weitem sichtbar und stellt den überraschten Spaziergänger vor die Frage, was hier wohl geplant würde. Ist es der 1:1 Entwurf einer Ersatzarchitektur, die hier als Echtmodell simuliert wird, oder der wohl vergebliche Versuch, das Gebäude doch noch zu retten und mit dieser Art Gips die Wunden der Zeit zu heilen. Alles ist im Moment der Schwebe, einem Gemälde gleich, auf dem sich die Schatten der Welt zu Graubildern formulieren.

https://www.hasucha.de

Chris Hinze
Cottbus

"first nation", 2025

Der Musiker und Bildhauer aus der Nähe von Cottbus, einige dürften ihn aus der DDR Kultband Sandow kennen, beschäftigt sich neben Klanglichem auch mit Positiv-Negativ Volumina, die direkt vor Ort in Beton gegossen werden und eine besondere Korrespondenz mit der Umgebung aufnehmen. Seine Intervention „First Nation“ ist von diesem Sandhügel vor dem Ortseingang von Jamlitz inspiriert. Früher baute hier die LPG Feldfrüchte an, später galoppierten Pferde über die Ebene, nun liegt die Fläche schon länger brach. Das Gras wächst nur spärlich aber in besonderen Sorten, solchen, die sich der Kargheit des Bodens wehren können. 

Chris Hinze legt hier eine Ausgrabung an und gräbt nach einer nie gesehenen, verschollenen Hochkultur. Er gräbt zunächst mit bloßen Händen und erzeugt so Negativformen, die er mit Beton ins Positive verkehrt. Hinze formt Samen vor dem Herzen und reichert sie durch seine Berührung mit Energie an. Energie, die er aus dem Ort schöpft, der den Künstler leitet, die Dinge so zu tun, wie er sie empfindet. Mit Liebe, Demut, Dankbarkeit entsteht Öffnung. Alle entstandenen Formen sind mit der Erde des Ortes verbunden. Der Beton ruhte 3 Wochen im Boden um dann vom Künstler ausgegraben zu werden. Die Brücke erlaubt dem Betrachter verschiedene Blickwinkel und so entsteht eine vielschichtige Erzählung. Die Sonne lässt die Schatten der Figuren über das Grabungsfeld wandern und verbindet das Flüchtige mit der festen Form. Die Phantasie tut ihr Übriges.

https://www.chrishinze.de

Matthias Lehmann
Meißen

"Horstspot", 2025

Der experimentelle Umgang mit dem Material Papier, das durch seine Beschaffenheit bereits mit dem ersten Knick oder der ersten Wölbung seine zweidimensionale Form verliert und unweigerlich in den dreidimensionalen Raum übergeht, bildet den Ausgangspunkt und die Grundlage vieler künstlerischer Arbeiten von Matthias Lehmann.

Die Arbeit "HORSTSPOT" thematisiert den zentralen, vernachlässigten Dorfplatz von Jamlitz mit seinem verlassenen Storchennest. Auf dem bestehenden Mast entsteht ein neues Nest aus gesammelten Ästen. 

Der Titel HORSTSPOT spielt mit dem Begriff „Hotspot“, bezeichnet dieser doch einen belebten Treffpunkt, wo was los ist. Der Hotspot ist aber auch Bezeichnung für drahtlose Netzwerke, Kommunikation und allseits verfügbare soziale Medien. Mit beidem ist Jamlitz noch unterversorgt. Die antennenartige Aufrichtung des Mastes sowie die strahlenförmige Skulptur Lehmanns symbolisieren dieses Spannungsfeld zwischen lokalem Rückzug und globaler Vernetzung. Zugleich knüpft das Storchenmotiv an Legenden über Fruchtbarkeit, Familiengründung und Neubeginn an – ein augenzwinkernder Hoffnungsschimmer der durch die in die Höhe gereckten rot bemalten Aluminiumspitzen schon fast ein Klappern erwarten lässt. Nach dem Ende der Ausstellung und dem Abbau der Skulptur, soll der Nestaufbau als Anreiz und Hoffnungssymbol für die Ansiedlung einer echten Storchenfamilie erhalten bleiben.


https://www.matthiaslehmann.de

Lotte Lindner & Till Steinbrenner
Hannover

"Froschkönig", 2025

Das Künstlerduo Lotte Lindner & Till Steinbrenner lernte sich während des Studiums an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig kennen. Seit 2002 arbeiten sie gemeinsam und entwickeln vorwiegend konzeptuelle, ortsspezifische sowie performative Arbeiten. Bekannt sind Lindner & Steinbrenner für ihre absurde Raumkunst, die oft mit feinem Humor und überraschenden Interventionen auf bestehende Situationen reagiert. 

Sie installierten ihre Arbeit in der alten Hälteranlage der Fischerei. Die Betonbecken wurden in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in den Badeteich des Dorfes installiert. Schon damals gab es Stimmen, dass diese Produktionsstätte nicht lange produktiv sein würde. Man hörte nicht auf die Mahner, die das schwindende Wasser voraussahen. Seit Jahren liegen die Becken nun brach und zeigen die Wunden der Zeit. 

Lotte Lindner & Till Steinbrenner sind für ihre Arbeit „Froschkönig“ in das Biotop gestiegen und haben dort einen lustigen Ball hinterlassen. Lustig, weil er dem Grüngrau einen schönen Kontrast beistellt und weil er nicht einfach auf der Wasseroberfläche schwimmt, sondern immer wieder unter Wasser gezogen wird, um dann mit frechem Platschen wieder empor zu schnellen damit sich das Schauspiel von Neuem abspielt. 

Es geht den Künstlern „um die Qualität des (Wieder-)Auftauchens. Das Untertauchen, das Verschwinden ist unheimlich und melancholisch. Aber das Auftauchen ist eine Überraschung und bringt den Ball im positivem Sinne wieder an die Oberfläche. Im Ball ist immer diese aktive Energie des Auftriebs enthalten, auch in dem Moment in dem er nach unten gezogen wird. Es erinnert uns auch daran, das Energie, nach dem Energieerhaltungssatz, in einem geschlossenen System nicht verloren gehen kann. Also kann genaugenommen nichts wirklich ganz verschwinden. Das stimmt doch optimistisch, oder?“ (Zitat Lindner/Steinbrenner)


http://lindner-steinbrenner.com

Franziska Möbius
Leipzig

"Arrival", 2009/2025

Ihr Interesse gilt der sozialen Gesellschaft als komplexes und spannungsreiches Gebilde mit unterschiedlichen Einzel- und Gruppeninteressen. Ihr geht es darum, diese Spannungsfelder auszuloten zwischen Freiheit und Vorschrift, zwischen individuellen Interessen und gesellschaftlichen Absprachen. Sie möchte die Zwischenräume beschreiben, die real räumlichen, sowie die imaginären.

„ARRIVAL ist keine Skulptur im klassischen Sinn, sondern eine Spur – der Abdruck eines Rabenpaars, das gekommen ist, um zu blei-ben. Und doch bleibt offen, ob es sich dauerhaft niederlässt oder wieder verschwindet. Es verweilt im Übergang, in einem Schwebezustand zwischen Ankunft und Abschied. Die Rabenvögel selbst tragen diese Ambivalenz in sich: In alten Erzählungen gelten sie als düstere Boten, als Wächter zwischen den Welten, Träger von Omen. Viele fürchten sie – nicht wegen ihrer Düsternis, sondern wegen ihrer Andeutungskraft. Gleichzeitig stehen sie heute für Intelligenz, Anpassung und Nähe: Rabenvögel besiedeln den urbanen Raum, kommen zu den Menschen. Sie kehren ein in Parks, Lücken, Brachen. Sie leben auch von dem, was Menschen hinterlassen haben.

So stehen auch die aufgerichteten Schwingen in einer Landschaft, die Spuren von Weg-zug und Verlust trägt – und erzählen dennoch nicht nur vom Verschwinden, sondern auch von einer leisen Behauptung, einer Neubesiedelung. Die Schwingen markieren einen Ort, an dem etwas vergangen ist – vielleicht nicht nur, um zu erinnern, sondern um zu zeigen, dass etwas Neues bereits begonnen hat. ARRIVAL ist eine Einladung zur Aufmerksamkeit. Eine sich wiegende Geste, die fragt, wie nah uns das Fremde wirklich ist. Und ob es viel-leicht längst Teil unserer Gegenwart geworden ist.“ - Zitat der Künstlerin.

https://franziska-moebius.de/seiten/installationen

Susken Rosenthal
Baitz

"Kartenhaus", 2025

Ausgehend von den vorhandenen Merkmalen und Geschichten eines Ortes entwickelt Susken Rosenthal schlüssige künstlerische Arbeiten. In letzter Zeit arbeitet sie vermehrt mit Fundstücken, deren Patina und Geschichte sie in die ästhetische Form einfließen lässt.
Dem nutzlos Gewordenen eine weitere Bestimmung zu geben und dabei auch die Sinnhaftigkeit unserer auf das Wegwerfen und Verschwendung orientierten Gesellschaft zu hinterfragen, bestimmt den Denkansatz der Künstlerin. Auch sie ist den Jamlitzer Fenstern nachgespürt. Fenster erzählen. Sie sind die Augen der Häuser. Das architektonische Wahrnehmungsorgan, welches in beide Richtungen durchlässig ist. 

In Jamlitz baut sie ein Kartenhaus aus überwiegend in Jamlitz gefundenen Fensterrahmen von den Baracken der Kriegsjahre bis zum ausgebauten Vorwendestück. Die handwerkliche Präzision, die den alten Fenstern noch immer anhaftet, sieht man nur von Nahem. Ebenfalls die Nummerierungen, die auf das Holz aufgesprüht sind und sie als Bausatzelement der verschiedenen Barackentypen ausweisen. Einige Fenster stammen konkret aus den Offiziersbaracken am Raduschsee. Diese wurden dem Künstler Rudolf Grunemann mit seiner Familie zugewiesen. Nach und nach wurden die alten Fenster ausgetauscht und standen seither im Schuppen auf Halde. 

Susken Rosenthal formuliert mit ihrem fragilen „Kartenhaus“ das Zusammenfallen des Verschwundenen verschiedener Zeiten. Sie montiert die Rahmen so gut es in ihren unterschiedlichen Formaten geht zum Kartenhaus und setzt es im idyllischen Obstgarten der Familie Hugler ab. Ein fragiles Dokument - ein Bild gegen das Vergessen des Verschwundenen.


http://www.susken-rosenthal.de

Titel: Bestand und Fiktion

Eine Ausstellung rund um die Architektur eines Dorfes - die reale, utopische, gedachte, verschüttete, soziale und soziologische.

Ausstellungszeitraum: 06.08. — 03.09.2023

Ausstellungsorte: Jamlitz

Beteiligte Künstler/innen: Anna Grunemann, Hannes Forster,  Christiane Oppermann, Iede Reckman, Andry Varabyou + Artur Klinau, Tineke van Veen, Rolf Wicker, Günther Zins

 

Anna Grunemann
Jamlitz/Hannover

Die Installation „badgir - ein Gedankenmodell - Klimaanlage für Jamlitz“ ist ein Beitrag zum Nachdenken über unser Klima. Während sich der Dorfplatz schon fast als verwüstet zeigt, dockt ihre Arbeit an traditionelle persische Klimaanlagen an, die am Ort der Installation gleich noch mit den vorhandenen Installationen korrespondieren. Es ist ein Versuchsaufbau, der geeignet wäre Orient und Oxident zu versöhnen.

www.anna-grunemann.de

Hannes Forster
Jamlitz

Die „Halb-Mond-Landschaft“ entwickelt sich aus Formationen alten Baumaterials. Er benutzt für seine Bodenskulptur alte Bieberschwänze, die hier in der Gegend häufig benutzt wurden, aber leider aus der Mode gekommen sind. Die Formen der Legung ergeben sich aus der Bauart des Dachsteins, der mit einem Mittelzapfen versehen, die Neigung der Dachpfannen bestimmt. 
Forsters Arbeit ist bewusst auf dem Boden verlegt, um den Blick frei zu machen auf die umliegenden Dächer - das Blätterdach der auf dem Schmidtschen Grundstück stehenden Bäume, sowie die Bieberschwanzdeckung auf dem Schuppen des Grundstücks.

http://www.hannes-forster.de/aktuelles.html

Christiane Oppermann
Hannover

Die bildende Künstlerin kommt aus der klassischen Plastik und begann ihren Weg mit einer Steinhauerlehre, noch vor dem Studium. Heute liegt ihr Schwerpunkt auf performativen Interventionen im öffentlichen Raum. 
Sie überlagert in ihrer Installation den mit Kreide auf den Boden geriebenen Grundriss der Absiss der 1938 niedergebrannten Synagoge von Hannover mit Projektionen anderer Grundrisse von evangelischen und katholischen Kirchen. Hier wird deutlich, dass wir nicht mehr unterscheiden können, welcher Grundriss zu welchem Glauben gehört. Diese Verknotung der Vorurteile zu lösen, dafür steht die Performance der Künstlerin auf dem Monitor - eingerahmt durch das die gesamte Halle durchspannende Band, angelehnt an das Band der Maria Knotenlöserin.

https://www.instagram.com/cocophonia/

Iede Reckman
Den Haag, Niederlande

Iede Reckmans Installation nimmt Bezug auf das Doppelspaltexperiment aus der modernen Physik.
Es veranschaulicht ein verblüffendes Phänomen: Ein einzelnes Teilchen kann sich gleichzeitig an zwei Orten befinden. Dieses sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus wird besonders deutlich, wenn ein Teilchen beide Spalte gleichzeitig durchquert – als wäre es zugleich Welle und Teilchen. Die Skulptur lädt dazu ein, einen gedanklichen Sprung zu wagen und sich auf das scheinbar Unbegreifliche dieses physikalischen Prinzips einzulassen.

http://iedereckman.blogspot.com/?fbclid=PAZXh0bgNhZW0CMTEAAacZE-SaOvEcCxSxIihvi4D-e8sjoZI6DeS8MyUVsdcQZia9ioSKceUOKgoS8A_aem_l7XMLys2oXImeGSpVyLpiQ

Andry Varabyou + Artur Klinau
Weißrussland/Berlin

Der „Arc No.9“ war aus Stroh, aber grenzte sich deutlich von den im ländlichen Raum bekannten Strohfiguren ab. Klinau+Varabyou’s Triumpfbogen, der direkt am Ortseingang platziert wurde, wirft durchaus Fragen auf. Wessen Triumpf wird hier gewürdigt? Welche Schlacht wurde geschlagen? Oder ist das Ganze nur ein Strohfeuer? 
Das Material Stroh wird von den Künstlern auch als Metapher auf den Menschen gesehen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Artur_Klinau

Tineke van Veen
Den Haag, Niederlande

Die aus Den Haag stammende Tineke van Veen hat für ihre Intervention „Im Übergang“ (die an mehreren Standorten im Dorf präsentiert ist) einzelne Jamlitzer*innen mit ihrer selbst gebauten Mittelformatkamera portaitiert. Allein dieser Vorgang ist eine Besonderheit in Jamlitz. Nicht nur weil dieser Selbstbau mehrere Sekunden Belichtungszeit braucht, sondern weil immer zuerst die Haltung im Raum steht: Ach wir sind doch nicht fotogen. Wir sind doch nur einfache Leute. Diese Fotos sind in den alten Wirkstätten und mittlerweile als Wohnhäusern umgenutzten Gebäuden präsentiert und gehen eine Allianz ein zwischen Vergangenheit und Heute. Tineke van Veen baut diesen Bewohner*innen von Jamlitz stellvertretend ein Denkmal und würdigt ihr Schaffen.

https://www.tinekevanveen.com

Rolf Wicker
Berlin

In seiner Installation „Riva“ bezieht er sich auf einen mysteriösen Schachtdeckel am Ufer der Chausseeteiche und entwickelt aus dieser Situation eine architektonische Utopie, die die Phantasie befeuert. Sein Oktogon basiert auf einer überlieferten Zeichnung aus dem Mittelalter, die er fast unverändert in seine Installation einfließen lässt. Der Schachtdeckel bleibt weiter in Einblicken sichtbar und wird als Fundament der Installation spürbar. Dieser Ort kann auf diese Art und Weise neu erlebt und besetzt werden - so hat Wicker extra auch Sitzplätze integriert, wobei ein besonderer Sitzplatz in Richtung Chausseeteich wie ein Thron herausragt. 

http://www.rolf-wicker.de

Günther Zins
Kleve

Der Künstler Günther Zins hat schon in Frankfurt/Oder eine große Edelstahlskulptur im öffentlichen Raum. Hier in Jamlitz geht seine Raumzeichnung aus Edelstahl „Mauerleporello“ die Allianz mit dem Gibel einer vom Leben gezeichneten Scheune ein. Die freiliegenden Ziegel des Mauerwerks und die Lüftungslöcher im oberen Bereich des Giebels erhalten durch die nun hinzugekommene Zeichnung, die selbst Dreidimensionalität vorgibt, ohne es zu sein, ein ästhetisches Eigenleben, die mit der sich im Licht verändernden Skulptur verbinden. 

https://www.guentherzins.de

Titel:  Standort_Bestimmung

Eine Ausstellung zur Bestimmung des Hier und Jetzt - sofern das möglich ist.

Ausstellungszeitraum: 01.08. — 29.08.2021

Ausstellungsorte: Jamlitz

Beteiligte Künstler/innen: Helmut Dick, Michael Kurzwelly, Johannes Pfeiffer, An Seebach, Alexander Steig, Harro D.B. Schmidt, Gaby Taplick
 

Helmut Dick
Amsterdam, Niederlande

"Geisterkompost" ist ein Kunstprojekt, das gemeinsam mit Bewohner/innen von Jamlitz umgesetzt wurde. Sie waren eingeladen, ihre Küchenabfälle in eine vierteilige Kompostanlage einzubringen. Jeder Bereich stand dabei für eine bestimmte Textauswahl zu einem der folgenden Denker: Aristoteles, Hildegard von Bingen, Carl von Linné oder Charles Darwin. "Geisterkompost" ist gleichzeitig Hommage und kritischer Kommentar – die Hoffnung, das „Verdaute“ in einen bewussten, fruchtbaren Boden für die Zukunft zu verwandeln. Die Arbeit versteht sich auch als symbolische Geste auf dem geschichtsträchtigen Boden von Jamlitz.

Im März des darauffolgenden Jahres folgte die Ernte durch den Aufruf des Künstlers:

Liebe Geisterkompostteilnehmer !

Der Rotte- und Reifungsprozess des Geisterkomposts ist abgeschlossen! Die Würmer haben Ihre Arbeit getan. Die aus unter anderem auch ihren Haushaltsgrünabfällen entstandenen Spezialkomposte sind bereit zur Abholung um zielgerichtet in Ihrem Garten eingesetzt zu werden !

https://helmutdick.com

Michael Kurzwelly
Frankfurt/Oder

"Reden über Jamlitz" - Am 24.07.21 haben Einwohner:innen von Jamlitz auf dieser Karte rot beschrieben, was ihnen nicht gefällt, blau, was ihnen gefällt und grün Vorschläge, Ideen und Visionen für ihren Ort. Die Einladung zum "Reden über Jamlitz" kam vom Künstler per Postwurfsendung in alle Haushalte. Später wurde die Tafel auf dem heimlichen Dorfplatz aufgestellt, direkt neben der veralteten Tourismuskarte, auf der noch der lange geschlossene letzte Bäcker verzeichnet ist. Während der Ausstellung hielt Kurzwelly eine Vorlesung zu seinem Konstrukt Nowy America und Jamalice. Man saß auf Bierbänken und Kissen und die vorbeifahrenden Autoinsassen trauten ihren Augen kaum ob der Campusatmosphäre.

Im Anschluss an die Ausstellung konnte die große Tafel ins Gemeindehaus umgehängt werden zur Erinnerung an die Gemeinderatsmitglieder. 

https://www.instagram.com/michaelkurzwelly/?hl=en

Johannes Pfeiffer
Tübingen

Johannes Pfeiffer tritt mit diesem historisch beladenen Ort in Dialog.
Von Jamlitz fuhren die Züge auch nach Auschwitz. Die Rampe war die Verladestation in den Tod. Pfeiffer stellt Stahl-Tore zwischen die Bahnschwellen und der Gang darüber bringt die Besucher in den Rhythmus, der notwendig ist, sich der Arbeit und der Geschichte zu nähern.
Die verkohlten und ausgebrannten Stämme wiegen sich stumm im Wind. Man kann sie mit dem Klöppel anschlagen. Der Klang ist dumpf und schwer - wie das, was hier in einem Dorf, wie in vielen anderen, unter den Augen der Dorfbewohner geschah.

Die Wiedererrichtung (2024) mit Schülerinnen des Campus am Stift Neuzelle ist eine Möglichkeit, mit der nicht zu leugnenden Geschichte einen Umgang zu finden. Nachdem die Schülerinnen eine Einführung durch die Gedenkstättenmitarbeiter erhielten, waren sie betroffen und wären am liebsten weggelaufen.
Durch die Beschäftigung mit der Thematik durch Kunst (auch sie brannten mit dem Künstler Stämme aus), konnten sie ihren Weg finden, mit den Gefühlen umzugehen und durch ihr Tun diese Erinnerung in eine Form überführen, die der Schwere der Sache gerecht wird.

www.pfeiffer-arte.com

Harro D.B. Schmidt
Hannover

,Durchquerung des Alls VI‘ von Harro D.B. Schmidt, ehem. Wasserturm Jamlitz 2021


In Harro D.B. Schmidt´s Installation „Ratten und Menschen“ (Overheadprojektoren mit darauf platzierten Strömungsgefäßen) drehen sich verschiedene Objekte, konstruiert aus Industrie-Abfall im Wasser um ihre eigene Achse. Ihre projizierten Bilder ermöglichen unterschiedliche Interpretationsebenen: Besucher können molekulare Strukturen, aber auch ornamentale Geometrie oder Raumstationen beobachten.

Eine weitere Projektion zeigt ein Video, in dem ein weiteres Objekt wie ein UFO aus dem Nichts in das Feld des Betrachters zu schweben scheint, sowie der Projektion einer überarbeiteten Ariane-Rakete. Das Szenario wird begleitet von einem Soundtrack, inspiriert von Andreas Eschbachs Roman "Exponentialdrift", in der eine Stimme der außerirdischen Crew die Notwendigkeit beschließt, den Drang der Menschheit nach Expansion zu stoppen:

„....Sternenzeit...., Spiralgalaxie...., 3. Planet......Ratten und Menschen sind die Spezies mit der höchsten Aggressivität und der höchsten Ausbreitungsrate auf dem Planeten Erde. Wir haben beschlossen, sie jenseits des Planeten Nr. 6, jenseits der Umlaufbahn des Saturnmondes Phoebe, aufzuhalten. “

https://www.instagram.com/schmidtharro/?hl=en

An Seebach
Berlin

,O.T. (zum kühlen Grund), Jamlitz, 2021‘ 

Die Überreste der ehemaligen Gaststätte wurden volkstümlich reanimiert. Auf dem historischen Abraum wird jetzt Gemüse angebaut. Die Ernte können sich Passanten mitnehmen und zu Hause oder vor Ort beim Tischgespräch mit der Künstlerin die Erinnerung an das gewesene Gasthaus reanimieren. 

Die Baumstele im Garten krönt eine Haube aus Fundstücken - die Armierungseisen hielten ursprünglich das Gasthaus zusammen. 

http://www.an-seebach.de/

Alexander Steig
München

Über das einfache, tradierte und konventionelle Medium einer Postkarte konzipiert Alexander Steig eine 'Mobile' Erinnerungsskulptur, um die Geschichte des Außenlagers von Sachsenhausen in Lieberose in die Welt und den Ort zu tragen.

Die Postkarte zeigt auf der Bildseite den Stein, der vor dem Lager stand und nach zwischenzeitlicher Absenz wieder dort steht. Der Findling, so heißt es, wurde auf Befehl der SS im Jahre 1944 von einem ungarischen jüdischen Häftling behauen. Auf der Rückseite der Postkarte steht ein kurzer Text, der auf den Ort, seine Geschichte und die nicht geborgenen ermordeten Zwangsarbeiter eingeht. 

http://www.alexandersteig.de/

Gaby Taplick
Berlin

Auf einer Fläche, neben der ehemaligen Mühle, wo einst ein See war, ist heute nichts mehr davon sichtbar. 
So wie die Mühle nicht mehr mahlt, schwimmt auch keine Seerose mehr auf dem Wasser.
Still ist es geworden in der Einsamkeit des Waldes.

Die Installation "Wasserstand": Eine Fläche gespannt aus Fäden, markiert den Wasserstand und erinnert an die Höhe des ehemaligen Sees.

http://www.gabytaplick.com

brandung e.V.
Kunst und Kultur in der Region
Dahme-Spree-Neiße

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